Kommt Kunst vom Können – eine Betrachtung​

Es gibt diesen immer wieder in den Raum geworfenen Satz „Kunst kommt von Können“. – dieser Text ist eine Betrachtung diesbezüglich:

JA

Kommt Kunst vom Können? Wenn man in der klassischen oder sportlichen Manier die Kunst auffasst, dass nur ein „ausgebildeter“ Künstler, der sich mit allen Techniken des künstlerischen Ausdrucks beschäftigt hat, Kunst machen kann. Dann ist die Antwort von vorneweg JA.

Wenn man das „Können“ als Fähigkeit interpretiert. Eine Fähigkeit „anders“ zu sehen, etwas anders darzustellen, anders zu vermitteln, anders sichtbar zu machen. Dann wird das Können zu einer Qualität, welche auch der Autodidakt ausführen kann. Und gerade dieser er-arbeitet das von ihm bzw. ihr Dargestellte nicht aus einer angelernten Manier, sondern aus einem inneren Antrieb heraus. – Vergleichen Sie die interessante Auflistung unter https://www.siegbert-hahn.info/k5autodidakten.htm : hier entdecken Sie internationale Namen wie Francis Bacon, Jean-Michel Basquiat,
Daniel Buren, Paul Cezanne, Max Ernst, Vincent van Gogh, Yves Klein, Robert Motherwell, Name June Paik, A. R. Penk, Nicki de Saint-Phalle oder Andy Warhol.

Kommt Kunst vom Können? Diese Frage darf gerne wiederholt werden und sie verführt geradezu dazu

NEIN

zu sagen. Nein, um Kunst mit einem ganz anderen Licht zu betrachten. Ist der Kreative (der einen Stift, einen Fotoapparat, einen Pinsel oder gar nur ein gefundenes Objekt „nimmt“) mit dem was er zwei- oder dreidimensional präsentiert nicht dann Künstler, wenn das Resultat ein „anderes Sehen“ in uns auslöst. – Kunst als Mini-Spielfilm, der sich nicht bewegt, sondern mit dem Dargestellten unsere Fantasie in Bewegung bringt.

JA & NEIN

Kunst ist deshalb eine Einladung an jeden einzelnen. Niemand muss Kunst sehen – niemandem muss Kunst gefallen – niemand muss Kunst verstehen. Doch jeder, und hier schließe ich niemanden aus, ist immer und überall mit „Kunst“ konfrontiert. Vielleicht sage ich besser: zufälligen, ästhetischen, schönen, vergänglichen oder mit der Zeit sich verändernden Kompositionen. Es gibt Waldabschnitte, die in der parallelen – fast identischen – Ausrichtung ihrer Bäume sich in einer Art von „Großskulptur“ präsentieren. Vielleicht dass niemand dies auffällt. Doch die/der sensible Künstler/in nimmt diesen Eindruck in Form von Fotografien oder Zeichnungen oder gar einem Gemälde oder in Form einer dreidimensionalen „Widmung“ mit. Der Künstler – ob ausgebildet oder nicht – isoliert (nichts anderes ist in der deutlichsten Form ein Foto) und präsentiert in einem anderen Rahmen. – Das ist Kunst – wie oben skizziert – nämlich das Künstler-eigene Mitnehmen, Verändern, Zeigen. Und im Sehen werden wir Betrachter zu dem Gebracht, was uns vorher vielleicht gar nicht aufgefallen ist: dem Sehen. Einem Sehen vielleicht nur des Sachverhalts, dass dies „Bild“ meinen Augen begegnet ist oder emotionaler: dass ich dies Bild mir „aneigne“ und ich mit meiner Fantasie mich darin bewege (mit einem Wohlgefühl oder gar einem Unwohlgefühl – aber immerhin einem „Gefühl“).

Kunst ist somit ein Startschuss (sorry für das laut klingende Wort) für meine eigene Fantasie. – Kunst ist damit das „Können“ des Betrachters. Wenn ich nicht nur erklärt bekommen will, sondern mir selbst das Sehen gestatte. Dann KANN ich und Kunst KANN.

P.S. Die hier abgebildeten Fotografien wurde von der Trierer Schriftstellerin und Fotografin Paula De Lemos realisiert. Sie sind ein kreatives Streifen in unseren zentralen Office-Räumen, welche zum Wochenende neue Fenster erhalten haben. Der zeitlich begrenzt die Räume bestimmende Staubschutz schuf eine Inszenierung, welche dies „andere Sehen“ (fotografische Sehen) erst ermöglicht hat

Text: Christoph Maisenbacher – 24. Januar 2021
Fotos: © Paula De Lemos